Mittwoch, 4. November 2009

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil XI

Nun müssen wir ernstlich darüber nachdenken, was 2010 mit Linz und uns Eingeborenen passieren wird. Die Leere nach dem Großereignis muss bewältigt werden. Linz’09 scheint den Trauerbedarf erahnt zu haben und bot im November im Ruhepol Centralkino einen Ort für Trauernde an.

Unsere Prophezeiung: Auch jene, die sich schon zum vergangenen Silvester gewünscht hatten, 2009 möge jetzt schon vorbei sein, werden das Fehlen der Kulturhauptstadt verwinden müssen. Denn worüber wollen sie noch schimpfen? Apropos: Worüber wollen Kolumnistinnen noch nörgeln?

Werden wir also dem Stadtalltag weiterhin mit erhöhter Aufmerksamkeit begegnen, werden wir uns bei etwa Menschen, die im Laub wühlen, auch nächstes Jahr fragen, ob das eine künstlerische Intervention sein könnte?


Stichwort Intervention: Die „Kunst Auktion“ der Linzer KunststudentInnen auf dem Hauptplatz nahm in Form eines Insolvenzverkaufs den Ausverkauf des Bildungssystems aufs Korn. So waren Arbeiten von Franz West um ramschige 10 Euro zu haben. Eine witzig umgesetzte Angelegenheit aus traurigem Anlass.


Traurige Anlässe und Kunst im öffentlichen Raum, das führt zur „Bibliothek der geretteten Erinnerungen“ im Wissensturm. Ganz ohne Frage ein wichtiges, gut umgesetztes Projekt. Kritik erhob sich an der Platzierung der Ausstellung von Dokumenten jüdischen Lebens: Zu nüchtern sei das Foyer, das Surren der Getränkeautomaten und die unmittelbare Nähe zu den Toiletten. Der eigene Besuch vermochte das nicht zu widerlegen: Die Hauptausstellung wurde für zwei Tage wegen einer Veranstaltung einfach verräumt.



Was war sonst noch? Walter Kohl schrieb in „SpotsZ“ über die „normative kulturelle Anosmie“. Es stinke hier nicht mehr, dafür sei Linz reizloser geworden. Leiser, sauberer – identitätsloser. Da mag etwas dran sein.


Nun baut Linz’09 ab. Ein Großteil der eigens errichteten Bauten waren temporäre Architektur – der Höhenrausch, das Gelbe Haus, das Baumhaus im Volksgarten (das Linzer Auge kommt wieder – versprochen!). Laut einem Artikel des Architektur-Kritikers Wojciech Czaja war das kein Übel: Vorübergehende Ausnahmezustände im öffentlichen Raum verändern die Wahrnehmung der BewohnerInnen. Auch da ist was dran.

Und jetzt? Seien Sie bereit für die große Flut an Nachrufen!

Sonntag, 4. Oktober 2009

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil X

Man soll ja in Kolumnen die Leute eher mit Meinung als mit Fragen behelligen. Aber bin ich die Einzige, der die Ruhe nach dem Sturm auffällt? Liegt’s am Wetter, an der Kurzsichtigkeit, gar am verschossenen Kultur-Pulver? Soeben hat man ja vn offizieller Seite den Startschuss für den knallbunten Endspurt gegeben, doch zugleich schon allerhand Retrospektives ins Programm genommen.

Vielleicht raubten ja Großereignisse wie Landtagswahlen (nach denen sich mancher gewünscht haben mag, es handle sich nur um eine Kunstaktion) oder der Urfahraner Markt die Aufmerksamkeit. Der güldene Wicht vor dessen Eingang war übrigens die abgewandelte Form jenes Riesenzwerges, der nach Vorstellung des Künstlers Patrick Huber vom Lentos hätte wischerln sollen. So stand er still mit geschlossener Hose neben den Schaumrollenmobilen (der Zwerg, nicht Huber).


Ein letzter Höhepunkt soll die Auseinandersetzung mit dem „Forum Design“ sein. Vor 30 Jahren hatte die Welt Linz als neues Design-Zentrum entdeckt. Die Sache ging bekanntlich spektakulär schief. Bedauerlich ist, dass mit diesem Erbe größtenteils retrospektiv umgegangen wird – bei allem Respekt für die Qualität der lokalen Werkschau.

Stichwort Wahlen – das Ergebnis zeigt, dass folgendes Faktum bei mehr als 15 Prozent der LinzerInnen Unbehagen auslöst: 25 Prozent der LinzerInnen haben nicht Deutsch zur Muttersprache. Das Missfallen in ein Gefühl der Bereicherung umwandeln will die „Bibliothek der 100 Sprachen“. Im Container vor der Volksbibliothek werden Bücher in den Herkunftssprachen gesammelt.


Am Ende noch ein kleiner Pressespiegel. Auf der FM4-Homepage stand ein Appell eines Linzers an die Welt: „Kommt zu uns. Es wird heuer so viel geboten, dass sogar was Gutes dabei ist.“

In der Süddeutschen hat der Journalist Peter Praschl einen langen Artikel über den Besuch in seiner Heimatstadt veröffentlicht. Vor 30 Jahren war er der provinziellen Enge entflohen, heute empfindet er auch eine kurze Rückkehr nach Linz als Mutprobe. „Man könnte ruhig hierbleiben, nichts Böses widerführe einem.“ Gerade das befremdet ihn, zu brav sei alles, auch das Kulturhauptstadtsprogramm. „Den Linzern möchte ich zum Abschluss sagen: Es hat nichts mit euch zu tun. Es ist nichts Persönliches. Nur etwas Persönliches.“ Lesenswerter Artikel, Linz bleibt aber ratlos zurück.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Falsche Zwillinge und Hasen

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil IX

Es gibt ein einziges Wochenende, an dem Linz wirklich cool ist. Wenn während der Ars im Rothen Krebsen oder in der Stadtwerkstatt das Bier mit Akzenten aus vieler HerrInnen Länder bestellt wird, kann die ganzjährige Stadtbewohnerin zufrieden sein und mit Schlafgästen aus dem schicken Barcelona prahlen.

Schon möglich, dass die Ars nicht mehr so avantgarde ist wie früher, aber wer wird im Alter von 30 Jahren nicht milder? Das liegt in der Natur des Menschen wie in der von Festivals. Solange den Beitragenden wie Hiroshi Ishiguro noch so hübsche Dinge wie der „Geminoid“ einfallen, der als täuschend echter Klon seines Erfinders mit dessen Stimme leichtgläubige AEC-Besucher auf den Leim führte, besteht nicht viel Grund zur Schelte. Sehr unterhaltsam auch die Cyberarts-Exponate im OK, etwa der bibelkopierende Kalligraphie-Roboter, der Sessel im Schneesturm aus Styropor („Nemo Observatorium“) oder die Blume Edunia, die mit ihrem Gärtner blutsverwandt ist.


Schelte kann man der visuellen Ausrichtung der „Flut“-Klangwolke nicht ersparen: Geschätzte 84 Prozent der Zuspätkommenden wurden insofern gestraft, als sie die wirklich sehenswerten Tiere eben nicht sahen. Gefühlte 34 Prozent der Klangwolkenbesucher scheinen aber ohnehin nur wegen des Feuerwerks zu kommen...



Apropos zu spät gekommen: Der Donaustrand bei der Eisenbahnbrücke wird nur dann noch seiner Bestimmung gerecht, wenn der Klimawandel sich rasant beschleunigt. Das glücklose Linzer Auge schließlich kam nicht nur zu spät, sondern auch noch kaputt.

Zu spät kommen auch all jene, die sich das gelbe Haus Bellevue noch ansehen wollten. Das ist jetzt weg. Auch der Kranke Hase macht sich auf die Socken, zurück auf den Pöstlingberg. Zuvor weste er in der Stadt un. Besonders witzig waren die Leih-Hasenköpfe und die dazu angebotenen Hasenbanden-Ausflüge, die dem Volk im Bahnhof oder auf dem Domplatz belämmerte Gesichtsausdrücke oder glucksendes Lachen ins Gesicht verursacht haben.
Ähnliches gelang auch dem unaussprechlichen Kunstkombinat „QujOchÖ“ beim Betriebsausflug nach Innsbruck, wo es die Einheimischen durch ihre Andreas-Hofer-Verunglimpfung aus dem Konzept brachte – letztendlich dann doch ohne strafrechtliche Konsequenzen.

Und jetzt? Müssen wir uns anziehen fürs Strawanzen im Oktober.

Dienstag, 29. September 2009

Text in the City: Original Linzer Worte


Mesdames et Messieurs!
Mit einem Riesentusch möchte ich euch auf die galaxiserste Linzer Lesebühne aufmerksam machen. Die weltweite Linz-Premiere findet am 1. Oktober um 20 Uhr im Keller der Alten Welt statt - gratis und kostenlos!

Um den Preis von 0 Euro erhaltet ihr ausgewählte und erlesene Kurztexte von:
René Bauer aka René Monet
Klaus Buttinger aka Button
Dominika Meindl aka Minkasia
Didi Sommer aka Didi Sommer
Anna Weidenholzer aka herself

Die Lesebühne wird's von da an monatlich geben.
Wie sag' ich immer? Kommt alle her!

Freitag, 18. September 2009

Hasen im Linzer Pfeffer


Damenundherren,

obig zu sehen ein von mir selbstfotografiertes Cover inkl. Geschichte über kriminelle Machenschaften organisierter Hasenbanden in Linz: http://www.servus.at/spotsz/

That's it for the week, stay tuned, speak German more often!

Mittwoch, 9. September 2009

Der Fluch der Alterspyramide: Warum wir alle aussterben werden


Besser kann man unsere westliche demographische Malaise gar nicht illustrieren: Ein Linzer Facharzt für Geburtshilfe muss dichtmachen und ins Ausgedinge, weil er jahrelang am eigenen Ast genagt hat. "Bitte keine Kinder mitbringen!" steht auf der Ordinationstür. Folgsame Frauen wagten es daraufhin nicht mehr, mit Leibesfrüchten aufzutricksen. Warum dann aber überhaupt zum Geburtshelfer? Die Linzer Geburtenraten rasselten in den Keller.
Einsam fristet der Gynäkologe nun sein Dasein. Und wir Steuerzahler können schauen, wie wir uns im Alter durchbringen.

Dienstag, 1. September 2009

Schmerzliche Enden und einmalige Gelegenheiten

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil VIII


Der gelernte Österreicher weiß um die Ewigkeit von Provisorien. Die strawanzende Linzerin jedoch muss sie bald vermissen: Das gelbe Haus auf der Autobahnüberplattung wird fehlen. Nur noch bis Mitte September, dann ist Schluss. Sehr bedauerlich – selbst wenn sich zu den Gefühlen der Autorin die Erinnerung an das schmachvoll absolvierte Bellevue-Fußballturnier mischt.



Schluss soll nach `09 mit dem Keplersalon sein, doch auch hier pflegt das Publikum zahlreich und eifrig zu erscheinen. Wie bloß bis Jahresende die erforderlichen 300.000 Euro aufstellen?

Fast schon wieder vorbei ist die Pfalz des Kulturhauptstadtteils in Urfahr, Linzens bessere Hälfte. Dort ist man auf die Idee gekommen, den Mangel eines Stadtteilzentrums durch ein charmant-schäbig möbliertes „Begegnungszentrum“ auf dem Steinmetzplatz auszugleichen. Teile dieser Kolumne wurden dort in einer Hängematte zurechtgedacht. Alt-Urfahr-West ist im Übrigen der einzige Stadtteil, der wirklich an der Donau liegt. Das Leben in diesem aufgewerteten Viertel können sich viele Künstler aber kaum noch leisten, seit die Betonierfraktion die einst nur mit knapp vor deren Abrissplänen bewahrten Gebäude für sich entdeckt hat.

Das Beste aber findet nur einmal statt. Barbara Prammers Fallschirmflug gelegentlich des Sonnenbrand-Theaterfestival etwa: Stars, die auf den Boden zurückgekehrt sind. Ebendort ging Frau Nationalratspräsidentin dann – wie alle anderen auch – aufs Dixie-Klo. Politik dieser Art kommt augenscheinlich gut an.

Einzigartig ist ein angemessenes Adjektiv für das Soap&Skin-Konzert im Neuen Dom. Die derzeit äußerst angesagte Prinzessin der Melancholie brachte etliche hundert Menschen dazu, endlich wieder einmal in die Kirche zu gehen und mucksmäuschenstill auf den Büßerbänken auszuharren. Großes Kino aus der Serie „Good Night Stuff“.


Leider auch einmalig bot Clemens Kogler als „Personal Superhero“ seine Rettungsdienste an. Und zwar nicht vor mutierten Killerechsen, sondern vor dem wahren, großen Feind des Menschen: dem Alltagstrott. So brachte er den Müll raus, durchstand öde Meetings und verschoss hunderprozentige Torchancen. Kurz befreite er auch die Autorin dieser Zeilen vom Kreativitätsdruck. Diese Zeilen hat er jedoch nicht geschrieben.

Samstag, 29. August 2009

Walkampf in Linz









Samstag, 8. August 2009

Going slightly mad

Auf meinem Nebendach steht gerade ein Bauarbeiter und imitiert Woody Woodpecker. Vor einer Stunde sprach mich auf der Nibelungenbrücke eine Frau mit Ziegenbart (I swear!) mit den Worten "Fwuschiwuschi" an.
Gestern abend klopfte eine Frau an die Autoscheibe. "I bin Mühviatlarin!" brüllte sie durch den schmalen Schlitz. Sie sei rosenkranzbeten gewesen und wolle nun gern zur Unionkreuzung chauffiert werden, "wos muass i eana denn gebn, dass des mochn?"
Jetzt frage ich mich ein bisschen, ob das was mit Linz'09 zu tun hat, ob die Gesellschaft schuld ist oder ob die Narren und Toren in mir nun deutlich Ihresgleichen erkennen.

Samstag, 1. August 2009

Der Zahn der „Zeit“ nagt an Linz

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil VII

Ach, so viel gäbe Linz’09 nun her, dass wir „Neue Selbständige“ im Kulturbeobachtungssektor noch weniger gern urlauben, weil wir noch mehr als sonst versäumen. Kaum wagen wir es, die Wochenendfreizeit um ein, zwei Tage aufzufetten oder gar die Stadt zu verlassen.

Für Sie verpasst (und mit was? Mit Bedauern!): Das Kulturbaden in Ottensheim, Martin Musics Luftballon-Himmelflug auf dem OK, die Ausstellung „Bad Rabbit – Bad Habit“ und einen ganzen Schwall an Geselligkeiten im Bellevue, dem Gelben Haus über der Autobahn. Hoffentlich waren zumindest Sie dort.



Nicht spurlos vorüber ging Peter Androschs Großprojekt „Akustikon“ – nicht nur, weil es noch bis Jahresende zu besuchen ist. Eine Empfehlung für alle, die immer schon wissen wollten, wie sich etwa Planeten anhören. Wer weder Geld noch Zeit für eine Weltreise hat (oder in Linz nichts versäumen will), der oder die kann im silbernen Kubus auf dem Hauptplatz, dem Basislager von 80+1, wenn schon nicht physisch, so zumindest virtuell verreisen.

Eine hübsche Idee hatte Clemens Kogler: Für das Projekt „52 Wege“, bot er als „Your Personal Superhero“ der Menschheit an, sie für kurze Zeit von ihrem Alltag zu befreien. Vom Müllentsorgen bis zum Liebeskummerverarbeiten – eine wahrhaft heroische Aufgabe.



Was ist jetzt mit der nagenden „Zeit“? Einiges Gerede, wenngleich kein aufgeregtes Geschnatter, erhob sich ob des Linz09-Artikels in der „Zeit“. Dass international agierende Kulturmanager bei einem Journalisten aus Hamburg besser wegkommen als die in dessen Augen provinziellen lokalen KunstmacherInnen, hat aber auch schon einmal mehr überrascht. Kritik bietet sich billig wegen einiger falsch geschriebener Namen an. Doch auch Lob für die garstige Schelte der Presse oder pragmatischer Mängel wie die suboptimale Anbindung an den Flughafen. Das darf schon stören.

Aber wer will schon weg im Sommer.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Die Stelze der Macht

Und es begab sich, dass wir jüngst durch die Stadt aus Stahl ritten. "Sire", sprach meine treue und teure Begleiterin Ritter Bambi, "seht - Excalibur!" Wir näherten uns ehrfüchtig dem sagenumwobenen Schwert. "Es geht die Mär, dass nur der wahre Herrscher des Wagner-Jauregg es aus der magischen Stelze zu ziehen vermag", sprach Bambi und leuchtete grün vor Aufregung.
Ich fasste mir ein Herz und pardauz! glitt das Schwert dienstfertig aus dem überdimensionalen Fleischimitat. Wer hätte das gedacht.



So kam es, dass ich Herrin der Narren von Linz ward.

Montag, 13. Juli 2009

Damenundherren,

Riesensensation! Soeben konnte ich beim Recherchieren (i.e. Wühlen im Privatarchiv) eindeutige Beweisstücke dafür entdecken, dass der angeblich jüngst entleibte Michael Jackson nicht nur häufiger Gast am Schöneringer Leidensweg gewesen ist, sondern schon seit Juli 2008(!) als Musiklehrer in einer Linzer Balletschule - verdammt und vergessen - seine Groschen verdient:

Mittwoch, 1. Juli 2009

Linz '09: Frisch gestrichen

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil VI

Nein, der Untertitel bezieht sich nicht darauf, dass ein weiteres `09-Projekt gestrichen worden wäre. In der letzten Stunde ist jedenfalls alles nach Plan gelaufen im offiziellen Programm.
Frisch gestrichen ist eine Anspielung auf eine unerwartete Umwegrentabilität der Kulturhauptstadt: Dank der fleißigen Frequentierung des Fleckerltischtuch-Straßenanstrichs vor der Infozentrale haben die Malermeister auf dem Hauptplatz gut zu tun. Kaum sind sie an einem Ende fertig geworden, können sie am anderen schon wieder neu ausmalen. Das ist nicht nur eine Stärkung der Wirtschaft, sondern eine hübsche Metapher für alles Mögliche, etwa das ewige „Under construction“ der Kulturhauptstadt.

Oder von Linz an sich. Einen guten Teil ihrer Konstruktionsgeschichte nimmt die Ausstellung „Stadt im Glück“ im Nordico unter die Lupe. Dort ist unter anderem zu erfahren, warum Linz der sauberste Arsch der Welt wurde, oder wie sich der erste Auftritt der Band „Nirvana“ zugetragen hat. Im Übrigen ein mythisches Konzert, mit dem sich jeder Linzer vor frisch zugezogenen Damen brüstet, das er aber leider wegen ganz unglücklicher Umstände verpasst hat.
Definitiv empfehlenswert ist auch der Höhenrausch. Nicht nur, weil sich von dort oben der beste Blick auf die Brandruine des Ursulinenhofs bietet – auch wenn viele Besucher das als Hauptattraktion behandeln. Die Fahrt mit dem Riesenrad gehört trotz des leichten Rauchgeruchs zu den aktuell romantischsten Zeitvertriebsmöglichkeiten.

Was war sonst noch? Das Linzfest etwa, das wie jedes Jahr ein feines und gelungenes war. Lob für das Programm, Tadel für die Verantwortlichen vom Wetter: Es just beim Kreisky-Konzert regnen zu lassen, ist einer Kulturhauptstadt unwürdig.

Erwähnenswert ist sicher auch das kanariengelbe Haus auf dem Bindermichl-Tunnel, das Autobahn-Anreisende verwirrt. Das „Bellevue“ verspricht einen wunderschönen Ausblick auf die A7. Wem das alleine nicht genügt, der oder die bekommt dazu noch ein frisch gestrichenes Programm. To do!

Der Zahn der "Zeit" nagt an Linz

Mesdames, Messieurs, Messis,

und schon wieder ein Link. Hier schenkt die "Zeit" der Stahlstadt ordentlich ein. Also eigentlich nicht der Stadt, sondern einem ihrer Frühstücksblätter: "Denn sonst haben es die OÖN nicht so sehr mit der Kritik. Wer das Blatt längere Zeit liest, lernt eine stark verengte Welt kennen, die vor allem aus OÖ besteht – dem wohlhabenden Oberösterreich und seinen, global betrachtet, Problemchen."
Hihi! Äh, pardon: Riesenskandal, wollte ich sagen.
Der ganze Artikel "Der Stahl, der Staub, die Kunst" wär' hier nachzulesen: http://www.zeit.de/2009/27/Linz?page=1

Und hier der ebenfalls erwähnte und zerrupfte Lowlowbudegtfilm "Dobschido" zum Gratisdownload: http://files.getdropbox.com/u/1348757/dobuschido-derfilm.avi.zip Interviewanfragen bez. Betonstadtrat Big L im Kommentarteil deponieren.

Montag, 29. Juni 2009

Pflaster-Speckdackel

Ladies und Gentlemen,

Pflasterspektakel wär' wieder bei uns in der Stahlstadt. Zitternd und bangend wartet die Bevölkerung auf die endgültige Zusage des Top-Acts "Menschliche Pyramide auf Kaschperlradl":



Weil noch Platz für einen archäologischen Sensationsfund ist: Jüngst wurde auf der Promenaden-Baustelle ein antiker Roboter ausgegraben. Es handelt sich dabei um ein Vorläufermodell der in den späten 70ern des vorhergehenden Jahrtausends zu einiger Berühmtheit gekommenen Reihe R2D2.

Der Roboter erwies sich als noch funktionstüchtig. Er befindet sich nun in Landesdienst und schreibt Gedenkreden und Weblogs fauler Journalistinnen.

Sonntag, 14. Juni 2009

Fehleinschätzung des Jahres

Das (s. l.) soll die "beste Kennerin ihrer Heimatstadt" sein?! "Größte Pennerin in der Bettstatt" stimmt wohl eher.
Dennoch - der Journalist Robert B. Fishmann war in Linz, um die Kulturhauptstadt auszuspechteln - dringende, extrem uneigennützige Leseempfehlung: http://ecomedia.wordpress.com/2009/06/11/pixel-torten-und-ein-hohenrausch-linz-eur-kulturhauptstadt-2009/

Dienstag, 2. Juni 2009

Brennender Hundekot (Kulturhaupstadtkolumne für die "Streifzüge")


Nicht unbeträchtlich war die Pause zwischen erstem und zweitem Teil des Kulturhauptstadtgeraunzes – aber wir kommen hier in Linz vor lauter Kultursensationen kaum zum Luftschnappen. Bunte Fahnen, Zirkuszelt, Riesenrad – jauchz!

Oft kommt es nun vor, dass die Raunzerin auf den Stufen des frisch aufgesexten Ars Electronica Centers reizgeflutet rasten muss. Dort ist die prachtvoll funkelnde LED-Fassade (wir sprachen in diesem Zusammenhang vom Liebesspiel einer Herde Leuchtquallen) eindrucksvoll zu bestaunen.
Wie lieb von der Stadt, ihren Eingeborenen dieses Schauspiel zu gewährleisten, indem es einen Teil der MitarbeiterInnen freisetzt. Sie haben nun genug Tagesfreizeit, um im Freien zu sitzen und die Pracht zu bewundern. Soll dem renitenten Prekariat eine Lehre sein, auf Anstellung zu klagen! Es gilt nur aufzupassen, dass es nicht wieder die Polizeibeamten provoziert.
Gut auch, dass uns nach Androhung seines OÖ-Einstieges das Gutmenschenperiodikum „Falter“ nun doch nicht unser schönes Kulturhauptstadtjahr madig macht. Das Land der Mostdipfe und -schädel ist, so sieht das nicht nur der kleine Prinz des Landes, mit den beiden volksnahen Belangsgazetten „Bezirksrundschau“ und „Tips“ ausreichend mit Wochenzeitungen versorgt. Die sind mit Überschriften wie „Hundekot brennt den Linzern unter den Nägeln“ immer ganz nahe bei den Leuten (s.o.).
Apropos Volksmaulschau-Journalismus: Mittlerweile hält sogar das größte Kleinformat die Linz’09-Organisation für nicht mehr satisfaktionsfähig. Auch sein regionaler Hauptkonkurrent (Blattlinie: „Platzhirsch unter den Familienzeitungen“) beschränkt sich in Sachen `09-Berichterstattung seit seiner Hitler-Quoten-Schinderei auf Einzelrezensionen.





Das ist natürlich schlimm, denn so bekommt die Freie Szene noch mehr Raum für ihre Garstigkeiten. Übelstes Beispiel: „Dobuschido – der Film“. Hier wird nicht nur der um das Landeswohl bemühte Ludwig Scharinger aufs gemeinste angepatzt, sondern auch der Intendant als „geiler alter Sack“ denunziert. Pfui und bis demnächst!



Montag, 1. Juni 2009

Schluss mit dem Ausnahmezustand

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil V


Ein Dutzend seltsamer Gestalten in Strahlenschutz-Anzügen kriecht auf den Hauptplatz. Verstößt schon wieder böses Gesindel gegen das Vermummungsgebot? Übt da jemand für den Ernstfall? Nein, der ist schon eingetreten: Die „Ausblenden“-Tour von „Social Impact“ führt auf überwachungsfreien Routen durch die Innere Kulturhauptstadt. Was erschreckend schwer geworden ist, denn die Kameraüberwachung ist bald schon lückenlos möglich. Die Teilnehmer sollen dafür unerkennbar bleiben. Umso sichtbarer waren sie in ihrer seltsamen Montur und Fortbewegungsweise für die Linzer im Normalzustand.

Apropos Normalzustand: Den wollte das Festival der Regionen in den als „kulturfern“ geltenden wilden Süden der Stadt bringen. Statt jugendlicher Möchtegern-Gangs machten Interessierte Gassi-Runden mit ortskundigen Hunden. Wer da wen führte, war nicht vorgegeben. Wie immer kommt gerade beim planlosen Flanieren allerlei Nettes zu Tage.

Was nicht unbedingt bei allen der Fall war, deren Wege sich mit der heutigen Kulturhauptstadt kreuzten. Das ist Kern der Ausstellung „Nur durchgereist“ im Stifterhaus. Hier kann man sich über Stefan Zweigs Linz-Provinz-Assoziation oder Thomas Bernhards Diktum „In Linz geboren, allein das ist ein fürchterlicher Gedanke“ echauffieren und sich dann aufmachen, ihn Lügen zu strafen.

Oder ihn zu bestätigen. Das funktioniert nach wie recht gut über all jene Aktionen, die nicht zum offiziellen Linz’09-Programm gehören. Etwa durch den Film „Dobuschido“, in dem das unaussprechliche Kultur-Kollektiv „qujOchÖ“ dem Bürgermeister das Rappen beibringt und dabei den Machern der Kulturhauptstadt einschenkt.

Wer anderen Machern einschenken wollte, wurde auf der „Subversiv Messe“ in der Hafenhalle fündig. Unter dem Deckmantel einer gewöhnlichen Messe wurden hier verschiedenste Technologien und Strategien des intelligenten, gewaltfreien Widerstands präsentiert. Also etwa Tipps zur richtigen, nicht strafbaren Vermummung beim „Basic Rebel Clown Training“.

Reden ist immer besser als Gewalt, liebe Kinder. Als Konsequenz lieh „Der kranke Hase“ auf dem Pfarrplatz drei Tieren eine Stimme. Als Lohn gab es zwar kein Futter, dafür aber Diskussionen über den Sinn des Lebens – mit einem Truthahn. Auch recht.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Max Goldt und das Sensationsbrathuhn

An sich schätze ich übermotiviert quasireligiöse Verehrung nicht besonders, außer sie hat mich selbst zum Objekt. Bei Glossengott Goldt mache ich aber jauchzend und besonders gelegentlich seines gestrigen Gastierens in der Stahlstadt eine Ausnahme.

Ich bin der festen Überzeugung, dass eloquente Strenge das einzige Mittel gegen Krise, Schweinegrippe und fremder Menschen Unterbauchbehaarung in maltesischen Hotelbadezimmern ist. Benimmonkel Goldts Studien zu Prokrastination und sein Segen für Mütter, die an der Unterkante ihrer Möglichkeiten operieren, weisen uns den Weg. Wohin ist auch egal, aber er beschreibt's so schön.

Ich will gleich euren Leseschwung für eine weitere Information nützen: Archäologen haben in Tübingen eine Venusstatue gefunden und sind nun ganz hibbelig vor Freude, denn die brathuhngleiche Figur gilt als die weltälteste Frauendarstellung. Urzeitdekonstruktivisten sehen in der "Venus von der Hohle Fels" die erste Onanierhilfe, zumal auf den Kopf der Urschwäbin zugunsten der primären, sekundären und tertiären Geschlechtssektoren verzichtet wurde.


Ich bin da wirklich alles andere als Frau vom Fach, aber mich erinnert das elfenbeinerne Wichsbrathuhn sehr stark an zeitgenössische Frauendarstellungen von Comicgott Nicolas Mahler:

Dienstag, 12. Mai 2009

Die Ausblendung

Eine der lustigeren Aktivitäten in der Kunst- und Kulturhauptstadt nicht nur des Führers, sondern auch von linken Blogflöten: die "Ausblenden"-Tour von Social Impact.
Nicht bloß wegen der Message "Überwachen ist böse und schlecht für die Kinder", sondern wegen des eminent doofen Geschaus der Passanten. Hunde kläffen, Mühlviertler bellen. Lustig!

Samstag, 2. Mai 2009

Kommt da noch was - außer dem Sommer?

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil IV

Am Ende ist er doch noch gekommen, der Frühling. Zum Redaktionsschluss wird es zwar entweder wieder Winter oder gleich Sommer sein, aber für eine Weile hat der Lenz Linz zu einer klimatischen Wohlfühloase gemacht. Wetterexkurs Ende, versprochen.

So konnten wir StadtbenutzerInnen endlich die Stufen des neuen AEC ihrem Zweck als großes Open-Air-Sofa widmen – einer der nettesten Plätze der Stadt. Das mag die ehemaligen AEC-Mitarbeiter trösten, die nun nach ihrer „Freisetzung“ (die Beleuchtung der Hülle ist leider teurer als geplant) viel Tagesfreizeit an der frischen Luft verbringen können.

Ob mit den Frühlingsgefühlen nun auch die Kulturhauptstadteuphorie über uns kommt? Kein Hinweis dafür ist zu verspüren. Eher im Gegenteil. Vereinzelt ist gar schon das böse Wort „Flop“ zu lesen.

Es gilt wohl das gleiche Prinzip wie bei arrangierten Ehen: Man muss versuchen, sich in liebenswürdige kleine Details zu verlieben. Oder ein wenig auf andere zu schielen. So etwa auf das „What you really need“-Festival im Medienkulturhaus Wels (mit Gastspiel in Linz). Fein schon alleine als Location für den Sonntagsbrunch. Positiv auch die Effekte des Projekts „In Situ“: Die Linzer werden im Wortsinn laufend dazu gebracht, sich mit den braunen Flecken der Stadtgeschichte auseinanderzusetzen. Gutes (weil klug Widerständiges) verspricht die Subversivmesse vom 14. bis 17. Mai.

Und sonst? Privattouristen kündigen sich an. Gut, denn bislang hätte die Kulturhauptstadt schon mehr Kulturfolger anlocken können. Mein Besuch wird zwar nicht viel Geld hierlassen, ist aber kulturaffin. Was denn auf dem ’09-Programm stehe? Man habe von einem großen Fest und einem noch größeren Gaukler-Straßenfest gehört, das müsse man sehen. Stimmt schon, sage ich, aber Linzfest und Pflasterspektakel finden ohnehin jedes Jahr statt. Die Klangwolke detto, und auch die Poetry-Slam-Staatsmeisterschaft wäre von ganz alleine in die Stahlstadt gekommen.
Wollen wir es so sehen: Die Kulturhauptstadt motiviert zumindest indirekt.

Freitag, 1. Mai 2009

101 Ways to Earn Your Money

Schön auch, dass hier der Sparkassenbrunnen auf dem Taubenmarkt leergefischt wird - die Rendite ist zwar schlecht, aber wer hier drin spart, muss damit leben.

Montag, 20. April 2009

Dobuschido - der Film!



Hey Yo aus dem langweiligsten Ghetto der Welt!

Chemie, Langeweile Drogen - und pipifeine Kinounterhaltung: Linz has it all.
Weil es ist nämlich Folgendes, dass ich die Ehre hatte, im Dobuschido-Film, der wo morgen beim Crossing Europe Festival Weltpremiere hat, ein wenig mitzuwirken. Ich will nicht allzuviel verraten, wen ich synchronisieren durfte. Nur so viel: Call me Big K!
Anschauen! Einen Trailer gäb's hier: http://www.youtube.com/watch?v=2XqKvpwJZwI

Mittwoch, 1. April 2009

Urinierende Zwerge und garstige Hitlerbilder

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil III

Endlich werden die Nächte wieder kürzer – und verlockender: Immer schwerer können wir nachtaktiven Kulturkonsumentinnen uns entscheiden, auf welchen Hochzeiten wir abends tanzen wollen. Die Rede ist nicht nur vom offiziellen Linz’09-Programm, sondern vom Kontrastprogramm: OÖN-Lokalgröße Erhard Gstöttner schreibt so euphorisch wie zutreffend, dass mit dem wieder eröffneten Stadtkeller der „Linz0nein“-Szene der „derzeit aufregendste Ort in Linz“ zur Verfügung steht.


Apropos Linz0nein: Wer wissen will, warum heuer doch kein riesiger Zwerg vom Lentos in die Donau uriniert, dem sei das nun im Buchhandel erhältliche inoffizielle Programmbuch mit abgelehnten Projekten für Linz’09 empfohlen. Ein feiner Service für Nahrungssuchende in Krisenzeiten ist das Büffet-Plünder-Blog auf der dazugehörenden Homepage (http://www.linz0nein.org/).

Dass die Arbeit in Sachen Imageverbesserung noch lange nicht getan ist, zeigt eine aktuelle IMAS-Umfrage: Betrübliche 60 Prozent der österreichischen NichtlinzerInnen sind bisher noch unbelastet mit Linz-Kenntnissen.

Apropos Touristen: Am Bahnhof waren irritierte BesucherInnen zu beobachten, für die das Plakat mit „Kulturhauptstadt des Führers“ das erste war, was sie hier von der Kulturhauptstadt wahrnahmen. Nicht wenige glauben an ein Spiel mit der Aufmerksamkeit ausländischer Medien, die prompt und gerne Linz09-Artikel mit Hitler-Bildern würzen. Debatten löste auch die „dekonstruierte“ Fassade des NS-Brückenkopfgebäudes aus. Gut so.

Was abseits davon auffällt: der Supermarkt als Kunstort. Eine Kette beschließt, die akustische Umweltverschmutzung zu beenden und dreht in Linz die Lautsprechermusik ab. Ein Disconter verkauft nicht nur Lederhosen, sondern verschenkt den Eintritt in die Museen. Let's see...

Mittwoch, 25. März 2009

Hitler, die Quotennutte (Kulturhauptstadtkolumne für "Streifzüge")

Bevor ich hier auch nur einen Finger zum Tippen krumm mache: Hat sich schon herumgesprochen, dass Linz heuer die Kulturhauptstadt Europas, ach was: der Welt (weil welcher ist der kulturellste Kontinent? Eben) sein darf? Viele werden sich schon gewundert haben, dass uns diese gewaltige Ehre nicht schon eher zuteilgeworden ist.
Wir machen hier nicht nur die für die Stadt namensstiftende Torte, die durchschnittlich 34 Jahre hält – einzelne Exemplare sind aus der Römerzeit erhalten – und seit 1938 auch den feinen Stahl, der ebenfalls sehr lange nicht schlecht wird. Auch die humanen Hervorbringungen der Stadt sind kulturell wirkmächtig: Karl Moik, Christine Stürmer oder der Hitler.
Womit wir jetzt – endlich! – mit einem uneleganten Schwenk beim Thema sind. Wer reinen Gewissens sagen kann, ihn oder sie habe nicht die garstige Überschrift zum Lesen gebracht, der darf an dieser Stelle aufhören.Für alle, die noch dabei sind: Quod erat demonstrandum – Hitler zieht medial wie geschnitten Brot. Die Zugriffstatistiken für jeden Artikel mit „Hitler“-Titel pfeifen steil in die Höhe, so fad kann der Inhalt gar nicht mehr sein (die Autorin spricht aus Erfahrung).
Die Intendanz der Kulturhauptstadt ist auch nicht blöd und schenkt dem Quotenheuler ordentlich Sendeplatz in diesem Jahr. „Kulturhauptstadt des Führers“ heißt das Hauptprojekt – eine Ausstellung, die an sich ja unschuldig ist. Aber die Sache mit „Linz’09“ ist nun mal auch zur Ankurbelung des Tourismus gedacht. Jeder, der einmal einen anglophonen Reiseführer in der Hand hatte, braucht keine zwei Sätze bis zu „Hitler’s Hometown“ (und dann kommt da auch nicht mehr viel).
Und so umweht alle Projekte dieses Jahres, die dem unbequemen Erbe der Stadt gewidmet sind, mehr der parfümierte Hauch des Aktionismus als der des echten Antifaschismus.Aus diesem Anlass, aber mit anderen Motiven echauffiert sich jetzt auch das selbsternannte Landeshauptblatt – sonst eifriger Kooperationspartner des ganzen Spektakels – plötzlich über den Hitler-Overkill. Hui, da rappelt es gleich im Kommentarteil, da kann der Wetterartikel über den faul prokrastinierenden Frühling – sonst ein sicherer Quotensieger in einem Regionalblatt – noch so anklagend geschrieben sein.

Unangenehm das alles. Im nächsten Posting soll es dann um etwas Lustigeres gehen, versprochen. Wie wär’s mit dem neuen AEC, dessen neue Fassade dank „modernster“ (immer im Superlativ verwenden!) Technik so wunderschön wie zwei Leuchtquallen bei der Paarung schimmert?Stay tuned, wir sind hier noch lange nicht fertig mit `09.

Donnerstag, 12. März 2009

Fiese Episteln nach Berlin aus der Weltkulturhauptstadt



Von mir für euch und die Berliner vom Renfield Fanzine:


„Was sollen denn die Eulen in Berlin, noch dazu aus so einem Ösi-Stahlsiededorf?“ brummt es jetzt in den urbanen Punk-Hirnen. Ja, Linz reimt sich auf Provinz. Ein anschaulicher Beweis dafür, dass Signifikat und Signifikant manchmal miteinander ins Lotterbett gehen. Gnä’ Damen und Herrschaften, es ist aber bitte Folgendes: Linz ist jetzt gerade Kulturhauptstadt. Wer’s noch nicht bemerkt hat.


Grottenbahnzwerge verbringen ihr Ausgedinge in Schrebergärten auf Linzer Dächern


Für uns Wilde an der Donau ist das eine Jumbo-Freude. Die EU schenkt uns Millionen bunte Glasperlen, wenn wir für die bald schon strömende Touristenflut unsere Eingeborenentänze machen. Ich bin dabei! Seht ihr ja gerade. Mein Tanz ist Text und will der Provinz huldigen. Aber sauer wird einem das gemacht.


Eine von vielen Punkbands in der Linzer Undergroundszene: "The Johnny Grotten-Punks"


„In Oberösterreich gibt’s mehr Kartoffeln als Menschen. Und in Linz gibt’s nichts, nicht mal einen Teilchenbeschleuniger“ schmähte ein Exemplar aus meinem Humankapital, als ich ihr eröffnete, Wien nach acht Jahren mal wieder gut sein zu lassen.



Stimmt ja alles. Linz ist negative Dialektik: weder pulsierende Urbanität voll erotischer Anonymität, noch romantisch-rustikales Idyll mit Schäfchen drin. Alle 200.000 Insassen kennen dich und lachen dich aus, wenn du einen Bad-Hair-Day hast. Trennungen müssen in öder Harmonie abgewickelt werden, weil die Stadt zu klein für pompöse Hormonstoppspektakel ist. Ein schön dramatisches „Ich will dich nie wieder sehen!“ funktioniert schon alleine deswegen nicht, weil am Samstag Abend die Zahl der akzeptablen, offenen Bars mit der Jänner-Durchschnittstemperatur korreliert.

Der Linzer gilt als der Fleischhackerhund unter Österreichs Stadtbewohnern

Das Wahrzeichen der Stadt ist neben Stahl eine Torte, die drei Monate lang haltbar ist (korreliert direkt mit dem Stahl, wahrscheinlich ist auch welcher drin). Es gibt eine Uni draußen im Speckgürtel; die Studenten interessieren sich nur mäßig für die Innenstadt – angeblich gibt es etliche, die noch nicht öfter als ein, zweimal (korreliert auch wieder mit der Wintertemperatur) dort gewesen sein sollen. Und überhaupt: Hauptsächlich ist Linz kacke, weil Lieblingsstadt des Führers.

Ein grindiger Kondomautomat in der Linzer Ausgehmeile

Worauf wollte ich jetzt eigentlich hinaus? Ach ja, Provinzrehabilitierung. Linz ist schon ok, quasi knorke. Ruht ein Mensch nämlich bequem in sich, freut er sich, seine Umgebung mit seinen Frisuren zum Lachen zu bringen. Er, oder in meinem Fall auch sie, mag es, wenn die wenigen Kaschemmen voller alter Saufbrüder und -schwestern ist. Man wird Freund statt Nemesis, wenn die Liebe flöten geht. Und die Sache mit Hitler beschert uns ja die bunten Kulturglasperlen. Denn es sprach die EU: „Tut das mal aufarbeiten, diese dunklen Kapitel der Vergangenheit, dann bekommt ihr ein wenig Geld, ihr legt ein großes Vielfaches aus eigener Tasche drauf und macht ein hübsches Spektakel; vielleicht kommen dann sogar ein paar Deutsche.“
Genau. So soll es sein. Ihr erkennt mich an der Frisur.


Sonntag, 8. März 2009

Frauenmahnmal


Pünktlich zum Tag der Frau möchte ich euch gerne einen Aufschrei entlocken. Betrachtet dazu obiges Bild genau, das ich auf der Promenade angefertigt habe. Was da alles an üblen Assoziationen verfilzt ist (Frauen hinter Gitter, Mülltonne, Thujen), reicht ja wohl als Grund, mit den kurzen Beinchen aufzustampfen und dem nächstbesten Mann "Du dreckige Schüft!" ins Gesicht zu krähen. Jeder Mensch sollte so handeln.

Sonntag, 1. März 2009

Nicht fad, aber ohne faden

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil 2

Trotz neuer, dringend benötigter Sehbehelfe der Strawanzerin bleiben die im Linzer Alltag sichtbaren Symptome der Kulturhauptstadt schwer zu entdecken. Das liegt sicher immer noch am Auge der Betrachterin. Zum anderen wohl auch daran, dass es künftig mehr um die Ohren gehen soll. Linz will Ruhe. Fein.

Als welterste Stadt hat Linz eine Charta herausgebracht, die sich für eine akustische Gestaltung und gegen Zwangsbeschallung richtet. Dem damit verwandten 09-Projekt „Hörstadt“ ist die allerstärkste Nachhaltigkeit zu wünschen.

Geschärft ist also das Auge der Strawanzerin, gespitzt die Ohren der Stadt – und verfeinert der Kunstsinn der Kulturhauptstadtbewohner. Alles könnte plötzlich Kunst sein. In die „Weltrettungs“-Haltestelle auf der Nibelungenbrücke hat jemand eine pfiffige Anfrage an „Herrn Dunkler“ gestellt: „Sind die Eisschollen auf der Donau auch ein Linz09-Projekt?“

Produziert wird wie wild. „Der neue Stahl heißt Kultur“, schreibt Andreas Kump sehr treffend in der Jänner-Ausgabe von „Datum“. Die Auslastung der Inszenierungen ist ansehnlich. Was nicht nur an den beträchtlichen Investitionen, sondern auch an der oft sehr geringen Anzahl an Vorstellungen liegen könnte.

Darüber wird ebenso intensiv diskutiert wie über die Qualität der „Best of Austria“-Ausstellung im Lentos. Eine Diskussion über Linz und Provinz – anscheinend eines von vielen Zielen der Kuratoren.

Angeregt auch die Debatte über die Ortstafeln in allen Schriften der in Linz lebenden Menschen. Die Linzer Freiheitlichen forderten für die „Mehrheitsbevölkerung“ Aufschriften in lateinischer Schrift, da sonst die Verkehrssicherheit leide. „Fällt die Linzer FP ihren Kärntner Gesinnungsgenossen in den Rücken?“ freuten sich die Künstler von „Social Impact“ über den aufgelegten Ball.

Noch ein Diskussionspunkt: der fehlende rote Faden im Programm. Der Journalist Robert Fishman, der soeben für den Deutschlandfunk ein Feature über Linz09 produzierte und viel Erfahrung mit Kulturhauptstädten hat, meint: „Es stimmt, was man sagt: Es fehlt der rote Faden.“ Das müsse nicht schlecht sein. Aber: „Dass vom Programm 2015 noch viel bleibt, also die Nachhaltigkeit, die sehe ich nicht.“

Möge sie sich zumindest beim Ende der Zwangsbeschallung einstellen.

Dienstag, 3. Februar 2009

Linz hat was im Ofen

Der Mühlviertler hatte es noch nie leicht, über die Nigelungen äh Nibelungenbrücke nach Linz zu kommen. Kaum sprüht ihm der Russ' kein DDT mehr unter das Bluserl, wartet schon die nächste Schikane:


Meine Theorie: ein Marketinggag mit dem Inhalt "Linz ist furchtbar fruchtbar". Um das auch unter das bäuerliche Nordvolk zu bringen, arbeitet die Stadtsemiotikabteilung mit uterusförmiger Symbolik. Seht selbst:


Sonntag, 1. Februar 2009

Linz, du hast unsere Aufmerksamkeit

Strawanzen durch die Kulturhauptstadt, Teil 1 (Kolumne für den Kulturbericht)


Keine Sorge, hier wird nicht schon nach nur einem Monat eine erste Kulturhauptstadtsbilanz gezogen. Es kommt auch keine Perlenkette an Rezessionen, pardon, krisenbedingter Tippfehler: Rezensionen. Es folgt nicht mehr als der Eindruck eines ersten Flanierens durch das neue Linz.
Neues Linz? Gemach. Der Eintritt in die Liga der Kulturhauptstädte hat die Stahlstadt (noch?) nicht grundlegend umgekrempelt. Und doch ist etwas anders. Vielleicht eine der wesentlichen Veränderungen: Linz hat ein Stadtgespräch – sich selbst.

Wohl nicht nur, weil es so kalt ist, findet ein Gutteil des Strawanzens nicht auf der Straße, sondern zwischen Zeilen statt. Da tut sich weit mehr als sonst. Die lokalen Zeitungen könnten ganze Sonderausgaben nur mit Leserbriefen drucken. Tenor gleich von Beginn weg: Die Raketensinfonie zur Eröffnung hat die klangwolkenverwöhnten LinzerInnen unterfordert. Die Konservativen bemängeln den fehlenden Heimatbezug (worin auch immer dieser bestehen mag), die Progressiven die mangelnde Einzigartigkeit.

Eines fällt auf: Noch in der Silvesternacht wird die Innenstadt, durch die soeben noch rund 130.000 Menschen gezogen sind, besenrein dem Neuen Jahr übergeben. Die Stahlstadt putzt sich heraus, will sich besonders sauber zeigen.

Nicht wenige der 130.000 überwinden am 2. Jänner ihre Neujahrsmüdigkeit und stellen sich in einer langen Schlange vor dem wiedereröffneten AEC an. Die Menge der Wartenden wird in den beiden folgenden Tagen nicht kleiner. Nur wenige stört das Warten in der Kälte. „Man wird hier elektronisch zum Narren gehalten“, soll ein älterer Besucher nicht übelmeinend gesagt haben.

Als Stadtgespräch eignen sich auch die Ortstafeln in nichtlateinischer Schrift. „Des is doch a Provokation!“ ist immer wieder zu hören. Gelungen ist eine Provokation, wenn sie in eine Diskussion mündet. Etwa darüber, was eigentlich so provokant an einer Ortstafel in Laotisch vor dem „Anschluss“-Turm ist. Wo doch die arabische noch besser gepasst hätte.


Weniger provoziert als amüsiert nehmen die LinzerInnen die neue vermeintliche Haltestelle auf der Nibelungenbrücke zur Kenntnis. Nicht nur, weil dort schon einige vergebens auf die Ankunft eines Weltrettungsautos gewartet haben sollen…